Stahl Kein Happy End bei Sande Stahlguss

Die Entwicklungen der letzten Wochen bei Sande Stahlguss waren erneut eine herbe Belastungsprobe für die Beschäftigten.

Gießen von flüssigem Metall in einem Stahlwerk


Die Entwicklungen der letzten Wochen bei Sande Stahlguss waren erneut eine herbe Belastungsprobe für die Beschäftigten. Wie in unserer ersten Pressemitteilung erläutert, sollten in der Gießerei bald die Lichter ausgehen – die Stilllegung stand bevor, alle Kündigungen waren ausgesprochen und eine Perspektive schien nicht mehr vorhanden. Dann trat ein letzter potenzieller Investor auf, und es keimte wieder Hoffnung, dass Sande Stahlguss doch gerettet werden könnte. Diese Hoffnung hat sich nun, über sechs Monate nach dem Insolvenzantrag, auch zerschlagen: Auch dieser Investor hat der IG Metall mitgeteilt, dass er die Gießerei nicht übernehmen werde.

 

Übernahme ohne Preiszugeständnisse eines Großkunden „nicht machbar“

Nach Angaben des Investors sei die Übernahme daran gescheitert, dass ein zentraler Kunde nicht bereit gewesen sei, die für eine Fortführung notwendigen Preise zu akzeptieren. Man habe dies ausdrücklich mit günstigeren, insbesondere außereuropäischen, Angeboten der Konkurrenz begründet.

Der Investor hat erklärt, dass er ohne diese Preisbasis, trotz voller Auftragsbücher, den erheblichen Investitionsstau nicht abbauen und gleichzeitig den Betrieb wirtschaftlich führen könne. Unter diesen Bedingungen sei das unternehmerische Risiko „nicht verantwortbar“. Ernüchternd und plausibel zugleich, entsprechen nach Kenntnis der IG Metall die Zugeständnisse dieses Kunden denjenigen, die auch gegenüber den bisherigen möglichen Investoren gemacht wurden, die allesamt abgesprungen waren, die teilweise im Anschluss als Konkurrenten mit ihren Preisen, in Kenntnis aller relevanten Kennzahlen der Gießerei, diese Preisverhandlungen erschwerten.

Es wird schließlich erneut erkennbar, wie kritisch es in diesem Fall, unter besonders schwierigen Voraussetzungen, aber auch insgesamt in Deutschland, um die Wettbewerbsfähigkeit der Schwerindustrie bestellt ist.

 

Fehlende Verantwortungsbereitschaft eines DAX-Konzerns

„Ein boomender Konzern mit einem Auftragsbestand im dreistelligen Milliardenbereich hat an einem entscheidenden Punkt Verantwortung verweigert“, sagt Robert Witt, Gewerkschaftssekretär der IG Metall Wilhelmshaven. „Es ging hier nicht darum, wer mehr vom Kuchen abbekommt, sondern um den Erhalt lokaler industrieller Substanz. Es ging um systemrelevante Wertschöpfung, Arbeitsplätze und Know‑how, die jetzt unwiederbringlich verloren gehen, was die Belastbarkeit der Branche schwächt. Wer Fähigkeiten wie den Großstahlguss aus Renditeinteressen der Aktionäre fallen lässt, handelt fahrlässig und schafft neue Abhängigkeiten. Das ist betriebswirtschaftlich kurzfristig zwar bequem, aber langfristig riskant, volkswirtschaftlich sowieso, gerade in Zeiten globaler Krisen und fragiler Partnerschaften.“

 

Tarifverhandlungen vereinbart

In den vergangenen Wochen hatten Investor, Insolvenzverwalter, Politik, Kunden, Gießereileiter, Betriebsrat und IG Metall intensiv daran gearbeitet, die Bedingungen für eine Übernahme herzustellen. Für den positiven Fall konnte sich die IG Metall mit dem Investor einigen, dass unmittelbar Tarifverhandlungen über einen Zukunftstarifvertrag aufgenommen würden, um tarifliche Standards abzusichern und gleichzeitig dem Investor Planungssicherheit zu verschaffen. Nach Absage des Investors sieht die IG Metall jedoch, so gerne wir uns irren würden, keine realistische Perspektive mehr, den Standort zu erhalten. „Das zarte Pflänzchen, von dem die Rede war, ist nicht aufgegangen.“, bedauert Witt. „Auch wenn es bitter ist, werden wir jetzt guten Gewissens niemandem mehr raten können, nicht an einen anderen Arbeitsplatz weiterzuziehen. Die Beschäftigten haben über Monate hinweg enorme Geduld, Loyalität und Belastbarkeit gezeigt. Sie haben bis zuletzt Haltung gezeigt, während andere offensichtlich keine Verantwortung übernehmen wollen.“

 

Stolz auf Sande Stahlguss

Mit dieser Entwicklung endet eine fast 90‑jährige industrielle Tradition am Standort Sande – ein großer Verlust für die ganze Region, aber vor allem für die Beschäftigten. „Monatelang haben die Kolleginnen und Kollegen einen regelrechten Psychokrieg durchgemacht. Sie haben gehofft, gebangt und trotz aller Unsicherheiten zur SSG gehalten. Für diesen Zusammenhalt möchte ich mich ausdrücklich bedanken – bei der gesamten Mannschaft und bei allen, die in den vergangenen Monaten für eine Perspektive gekämpft haben, besonders bei Robert und dem Team der IG Metall Wilhelmshaven“, sagt Marcus Bruns, Betriebsratsvorsitzender der Sande Stahlguss. „Dass es jetzt vorbei sein soll, ist sehr hart und macht uns unfassbar wütend. Aber ich hoffe trotzdem, dass diese Wut irgendwann vergeht und wir dann mit Stolz darauf zurückblicken können, der wichtigste Teil dieser langen Geschichte gewesen zu sein.“